346 Naturstein

Neubauten im historischen Gewand

© Stefan Müller
Das Haus in der Braubachstraße 23 ist eines der prominentesten Bauwerke des neuen Altstadtviertels.
© Stefan Müller

Die sogenannte Neue Altstadt ist ein 2018 fertiggestelltes Stadtviertel aus 35 Gebäuden auf dem Dom-Römer-­Areal im Herzen Frankfurts. Der Berliner Architekt Peter Eingartner erläutert die Gestaltungsansätze seines Beitrages im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu. Das Ergebnis ist ein Plädoyer für das Bauen mit Naturstein.

von: Richard Watzke

Bauen im historischen Kontext – wie bewältigen Sie den Spagat zwischen neu und historisierend?
Es gibt keinen Spagat. Die Architekturgeschichte ist in unserem Büro beim Entwerfen immer präsent – manchmal finden sich eben historische Formen im Entwurf wieder, manchmal nicht. Je nach Kontext und, ja, auch je nach künstlerischer Willkür. Ich finde es aber generell spannender, neu gebauten Häusern, zumal im innerstädtischen Zusammenhang, eine gewisse Uneindeutigkeit bezüglich ihrer Entstehungszeit zu belassen. Ich will nicht wissen, ob ein Haus genau 2017 gebaut wurde. Man wird es dann zwar doch ziemlich genau zuordnen können, aber eben erst auf den zweiten Blick. Mit einer solchen Ambivalenz im architektonischen Ausdruck hat ein Haus viel mehr die Kraft; das braucht es, um auf Dauer im städtischen Kontext gestalterisch zu bestehen. Und mit dem Begriff „historisierend“ kann ich ehrlich gesagt sowieso nicht viel anfangen. Alles ist irgendwie historisierend, und fast alles ist schon einmal dagewesen – auch und besonders die immer wieder als „modern“ empfundenen weißen Schuhschachteln mit komponiert angeordneten Fenstern. Nix gegen dieselben, wo sie angemessen sind. Aber die zitieren eben auch, und zwar die klassische Moderne des letzten Jahrhunderts – mal besser, mal weniger gut. Wie bei jeder Art von Architektur.

Das Gebäude in der Braubachstraße 23 ist eine Neuschöpfung. Wo haben Sie Anregungen für die Gestaltung gefunden?
In Frankfurt! Und zwar in der unmittelbaren Umgebung: Was ja gerade in der Braubachstraße auffällt, sind die zahlreichen expressionistisch geprägten Häuser vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie haben uns in jedem Fall inspiriert. Auf der anderen Seite, Richtung Süden, sind da natürlich die extrem starken Bilder der untergegangenen, mittelalterlich geprägten Altstadt, an denen wir weder vorbeikonnten noch -wollten. Und vielleicht findet man an unserem Haus ja sowohl mittelalterliche als auch expressionistische Züge. Und schließlich haben wir das in Frankfurt omnipräsente Rot aufgegriffen – und zwar auf die Spitze getrieben: indem Rot nicht als Kontrastfarbe auftaucht, sondern gleich die gesamte Fassade diese Farbe trägt!

Welche Bedeutung hat für Sie der Werkstoff Naturstein?
Eine essenzielle. Im Zeitalter der Verhartschaumung der gebauten Umwelt sind authentische, sinnliche Materialien wie Natur­stein und Ziegel von geradezu baukulturrettender Bedeutung. Dabei stört mich überhaupt nicht, dass der Stein „nur“ als Bekleidung dient und selten tragend massiv verwendet wird. Im Gegenteil, der bekleidende Stein hat längst ein interessantes Eigenleben entfalten können, eigentlich schon seit der Antike, als Inkrustation bezeichnet. Doch in jüngster Zeit ergeben sich auch durch die ausgefeilte Natursteintechnik und CAD-gestützte Planung und Fertigung ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten, die ich durchaus faszinierend finde.

Ihre Fassade lebt von der plastischen Wirkung. Ist das die Zukunft der Steinfassaden?
Ich glaube, wir müssen in der Architektur wieder zu mehr Detailreichtum zurückfinden. Der vielfach angestrebte Minimalismus kommt an sein natürliches Ende. Irgendwann gibt es eben nichts mehr zu reduzieren, wenn alles weg ist. Der Übergang vom Minimalismus zur Banalität ist fließend. Und ich kann ehrlich gesagt all die perfekt geschliffenen Kisten auch nicht mehr sehen. Architektur ist etwas anderes als Industriedesign, hat eine eigene Geschichte und eige­ne Gesetzmäßigkeiten. Dazu gehören auch Plastizität, Gliederung, Relief, Differenziertheit. Ein Haus sollte mit seinem Erscheinungsbild mehrere Maßstabsebenen bedienen können: den großen städtebaulichen genauso wie weitere, kleiner werdende bei der weiteren Annäherung; und auch für den Fußgänger unmittelbar an der Erdgeschoßfassade muss noch etwas an Sinnlichkeit übrig bleiben.

Der rote Sandstein war durch die Gestaltungssatzung vorgegeben. Würde die Fassade auch mit einem anderen Stein funktionieren?
Im Prinzip, ja. Aber der rote Stein ist markant und er passt zu Frankfurt. Und, ganz subjektiv: In letzter Zeit sind ein bisschen viele von den hellen Muschelkalk- und Sandsteinfassaden entstanden; da tut es vielleicht gut, wieder mal einen anderen Stein zu sehen.

Was gilt es bei der Gestaltung einer Steinfassade generell zu beachten?
Wichtig ist, das Wesen des Materials und die Gesetzmäßigkeiten seiner Fügung zu erfassen und richtig zu interpretieren. Dabei dürfen auch mal konstruktive Verrenkungen unternommen werden, wenn es stimmig und „architektonisch richtig“ aussieht. Beispiel: Bei unserem Haus in Frankfurt gibt es niemals Fugen an den positiven Kanten – auch wenn das mit sogenannten Hakensteinen erheblich aufwendiger herzustellen war. Aber nur so konnte der intendierte Eindruck eines monolithischen Baukörpers entstehen. Bauteilfugen an den Kanten hätten eine klapprige Tapete aus der Fassade gemacht.

Wie beeinflusst der Klimawandel Ihre Entwürfe?
Es geht immer wieder um Nachhaltigkeit – abgedroschen, aber dennoch richtig. Dazu gehört vor allem, Gebäude so zu bauen, dass sie lange halten: konstruktiv wie gestalterisch. Und nebenbei sollte man ver­suchen, den Haustechnikaufwand zurück­zuschrauben. Ich finde, der hat mittlerweile absurde Züge angenommen.

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