Bauen im historischen Kontext – wie bewältigen Sie den Spagat zwischen neu und historisierend?
Es gibt keinen Spagat. Die Architekturgeschichte ist in unserem Büro beim Entwerfen immer präsent – manchmal finden sich eben historische Formen im Entwurf wieder, manchmal nicht. Je nach Kontext und, ja, auch je nach künstlerischer Willkür. Ich finde es aber generell spannender, neu gebauten Häusern, zumal im innerstädtischen Zusammenhang, eine gewisse Uneindeutigkeit bezüglich ihrer Entstehungszeit zu belassen. Ich will nicht wissen, ob ein Haus genau 2017 gebaut wurde. Man wird es dann zwar doch ziemlich genau zuordnen können, aber eben erst auf den zweiten Blick. Mit einer solchen Ambivalenz im architektonischen Ausdruck hat ein Haus viel mehr die Kraft; das braucht es, um auf Dauer im städtischen Kontext gestalterisch zu bestehen. Und mit dem Begriff „historisierend“ kann ich ehrlich gesagt sowieso nicht viel anfangen. Alles ist irgendwie historisierend, und fast alles ist schon einmal dagewesen – auch und besonders die immer wieder als „modern“ empfundenen weißen Schuhschachteln mit komponiert angeordneten Fenstern. Nix gegen dieselben, wo sie angemessen sind. Aber die zitieren eben auch, und zwar die klassische Moderne des letzten Jahrhunderts – mal besser, mal weniger gut. Wie bei jeder Art von Architektur.
Das Gebäude in der Braubachstraße 23 ist eine Neuschöpfung. Wo haben Sie Anregungen für die Gestaltung gefunden?
In Frankfurt! Und zwar in der unmittelbaren Umgebung: Was ja gerade in der Braubachstraße auffällt, sind die zahlreichen expressionistisch geprägten Häuser vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie haben uns in jedem Fall inspiriert. Auf der anderen Seite, Richtung Süden, sind da natürlich die extrem starken Bilder der untergegangenen, mittelalterlich geprägten Altstadt, an denen wir weder vorbeikonnten noch -wollten. Und vielleicht findet man an unserem Haus ja sowohl mittelalterliche als auch expressionistische Züge. Und schließlich haben wir das in Frankfurt omnipräsente Rot aufgegriffen – und zwar auf die Spitze getrieben: indem Rot nicht als Kontrastfarbe auftaucht, sondern gleich die gesamte Fassade diese Farbe trägt!